Track 1.

ColombiaRiot

Autor: Sven Lütgen
Entstehungsort: Deutschland / Jahr: 2021
Album: SOundS Kolumbien / Track 1
Genre: Soundscape, experimental
Material: Klangkomposition auf der Grundlage von verschiedenen Materialien, Geräuschen einheimischer Vögeln, Verzerrungen, Worten und Sätzen aus einer kolumbianischen Tourismuswerbung und den dort lebenden, unterdrückten und misshandelten Menschen.
Format: MP3-Datei / Größe oder Dauer: 04:02 Minuten

Dadurch das kolumbianische TeilnehmerInnen meines Musik-Praxis-Projekts (im Sommersemester 2021 an der Muthesius Kunsthochschule) sich dringend aufgefordert sahen, sich auch aus der Ferne mit der dramatischen Lage in ihrer Heimat auseinanderzusetzen, war es für mich naheliegend, dass wir uns thematisch mit ihnen solidarisieren. 

Die Klangkomposition „ColombiaRiot“ versucht, über die in der lateinamerikanischen Musik vertretene Folklore hinauszugehen, die sich oft auf Lieder beschränkt, die nur dem Verkauf dienen.

Die Komposition ist sehr rhythmisch und basiert auf Gefühl und Instinkt. Es greift natürliche Elemente auf, Wörter und Sätze aus einer vom Staat geförderten kolumbianischen Tourismuswerbung, was im ersten Moment einen gemütlichen Eindruck macht.

Die in dieser Komposition verwendeten Vogelstimmen stammen alle aus Kolumbien und ähneln den Flöten der Folklore der Ureinwohner, die von Wind und Natur inspiriert ist. Das Rauschen der Vögel vermischt sich mit den Klängen von Schlaginstrumenten, mit den Stimmen der Nachrichten, mit den Rufen der Menschen bei Demonstrationen, mit den Gesprächen und Klagen der Menschen. Sogar der Gesang des Glockenvogels auf der Suche nach Liebe wird hier sehr gut in einem rhythmischen Takt dargestellt, aber gleichzeitig wird seine Stimme in Sirenen, in Alarmsignale verwandelt.

Das Anfertigen eines Klangstücks auf Grundlage von Found Footage aus verschiedenen Nachrichtenkanälen orientierte sich an landestypischen Sounds und der Eindringlichkeit der Stimmen betroffener Menschen, die über Sprachgrendezen hinweg verständlich sind.

„ColombiaRiot“ kann als Einführung in das Thema Gewalt und die Unzufriedenheit der Menschen über die schlechten Lebensbedingungen in Kolumbien verstanden werden.

Track 2.

Ausbruch 


Titel: Ausbruch
Autorin: Paola Donato Castillo
Entstehungsort: Deutschland / Jahr: 2021
Album:  SOundS Kolumbien / Track 2
Genre: Soundscapes, experimental
Material: Klangkomposition auf der Grundlage von Archivmaterial aus Nachrichten aus verschiedenen Teilen der Welt, Liedern und Geräuschen von den Protesten in Kolumbien.  
Format: MP3-Datei / Größe oder Dauer: 04:25 Minuten

Große Demonstrationen fanden in verschiedenen Städten Kolumbiens statt. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung, die seit Jahren unter andauernder Gewalt leidet und deren Menschenrechte verletzt wird und die Willenlosigkeit der Regierung die Lage zu verbessern, die durch korrupte Behörden nur einige Wenige begünstigen wollen, sind der Anlass für den Anfang der Demonstrationen.

Zu Beginn der Mobilisierungen forderten die Menschen die Regierung auf, eine Steuerreform rückgängig zu machen, die während der COVID-19 Pandemie durchgeführt werden sollte und von der vor allem die Mittel- und Unterschicht betroffen würde. Später konzentrierten sich die Demonstranten jedoch auf die Forderung nach Gerechtigkeit und Verbesserung der Lebensbedingungen aller Bürger, die nicht nur von der Steuerreform betroffen wären, sondern für die Menschen, die im Laufe der Geschichte Kolumbiens von dem Leiden und Missständen betroffen worden sind, Missstände, die bis heute nicht behoben wurden. 

Der kolumbianische Ausbruch, wie die Mobilisierung des Landes genannt wird, begann am 21. November 2019 mit großen Demonstrationen, die durch die Pandemie immer wieder unterbrochen wurden. Zu dieser Zeit war ich in Kolumbien, in meiner Heimat, wo ich geboren wurde und wo ich die Demonstrationen in Bogotá am 21. November unterstützen konnte. 

Jetzt befinde ich mich in Deutschland und die Demonstrationen haben wieder begonnen. Die Lage der Menschen dort hat sich kaum verbessert. Es wird dort nach Lösungen gesucht und ich bin hier, weit weg. Anderseits stellt die Ausarbeitung einer Klangkomposition für mich meine Art und Weise dar, aus der Ferne zu unterstützen, denn der Klang kennt keine Grenzen. Die Lieder, die Musik und die Stimmen der Menschen in Kolumbien, schaffen es bis hier. Sie schaffen es, sich international Gehör zu verschaffen. Deshalb möchte ich in meiner Komposition die verschiedenen Klangstrategien aufzeichnen, mit denen Informationen verbreitet werden, und gleichzeitig zeigen, wie Kolumbien klingt und wie es gehört wird. Die Art und Weise wie durch die Medien Informationen über den sozialen Aufstands in Kolumbien, die Mobilisierungen und die politische Situation im Land verbreitet wurden, spielte eine wichtige Rolle bei der Unterstützung des nationalen Streiks auf internationaler Ebene. Der kolumbianische Schrei wurde in verschiedenen Ländern und in verschiedenen Sprachen gehört, und nun weiß die Welt, was in Kolumbien geschieht, und wir hoffen, dass jemand vielleicht bereit zu helfen ist.

In Kolumbien suchten die Menschen im Land nach kreative Strategien wie Musik und Sprechchöre und diese wurden zum Ausdruck gebracht, obwohl einige offizielle Fernseh- und Radiosender auch versuchten, den kolumbianischen Aufbruch zu diskreditieren, indem sie ihn diffamierten und die Nachrichten als Instrument der Angst und Desinformation nutzten. Mit all dem, was gegen und für die Menschen in Kolumbien ist, habe ich versucht, eine Komposition zu schaffen, die die Rebellion und zugleich die Repression gegen die Bürger repräsentiert, die Bürger, die es geschafft haben, aufzustehen und ihre Stimme gegen den Schmerz zu erheben.

Track 3.

Digital Noise

Titel: Digital Noise 
Autor: Julian Behrens 
Entstehungsort: Deutschland / Jahr: 2021 
Album:  SOundS Kolumbien / Track 3 
Genre: Soundscape, experimental 
Material: Klangkomposition auf der Grundlage von Archivmaterial aus Nachrichten, digitalen Störgeräuschen, verzerrte Stimmen. 
Format: MP3-Datei / Größe oder Dauer: 00:40 Minuten

Der 40 sekündige Track besteht zu einem Teil aus digitalen Störgeräuschen und Artefakten, zum anderen aus einer deutschen Nachrichtensendung welche die Konflikte in Kolumbien beschreibt und Interviews der dortigen Demonstranten sprachlich übersetzt. An einigen Stellen hört man ein Tutorial zu der Kommunikations Anwendung Zoom, welche während der Corona Krise zunehmend genutzt wurde. Die Benachrichtigungstöne welche in dem Track positioniert sind stammen zudem auch aus der Kommunikations App. In Zoom hat man die Möglichkeit sich kostenlos 40 Minuten zu unterhalten bevor das Gespräch automatisch beendet wird. Daher auch die 40 Sekunden im Track, die abrupt aufhören. Der Titel „Digital Noise“ bezieht sich sowohl auf die Flut an Medien, die uns täglich über lokale und Globale Themen erreichen, sowie der Versuch einer Erhaltung der gewohnten sozialen Kommunikation während der Pandemie. 

Internetabbrüche, verzerrte Stimmen, Fernsehnachrichten und Demonstranten mischen sich in den verzerrten Beat ein und verdeutlichen gut akustische Eigenschaften der aktuellen Lage. Dennoch könnte diese Komposition dem Empfänger im Bezug zum Thema Gewalt in Kolumbien viele Handlungsspielräume offen lassen. 

Track 4. 

Sig Süßig

Titel: Sig Süßig 
Autor: Elkin Salamanca 
Entstehungsort: Deutschland / Jahr: 2021 
Album:  SOundS Kolumbien / Track 4 
Genre: Soundscape, experimental 
Material: Klangkomposition auf der Grundlage von Archivmaterial aus den Nachrichten, digitalem Rauschen und verzerrten Stimmen. 
Format: MP3-Datei / Größe oder Dauer: 05:10 Minuten

„Sig Süßig“ ist eine Klangkomposition, die verschiedene Klänge von der Testung von deutschen Sig-Sauer-Waffen enthält. Die Firma Sig Sauer spielt im aktuellen gesellschaftspolitischen Kontext in Kolumbien eine wichtige Rolle, weil die Firma -illegal-Waffen an die kolumbianische Polizei verkaufte, was zur Ermordung von Dutzenden von Zivilisten führte, die bei den massiven Mobilisierungen im Land nach einer Verbesserung der Lebensbedingungen verlangen. 

Ich bin besonders daran interessiert, diese Situation bekannt zu machen, weil diese eine der vielfältigen Beziehungen ist, die die deutsche Gesellschaft mit dem kolumbianischen Konflikt in Verbindung bringt. Viele Handlungen außerhalb Kolumbiens scheinen auf den ersten Blick keine unmittelbare Effekte auf den Frieden im Land zu haben. Es gibt oft eine falsche Sichtweise, ein mangelndes Interesse - und sogar einen Mangel an Empathie - mit der kolumbianischen Bevölkerung, denn vieles von dem, was hier getan wird, hat dort Auswirkungen. Deshalb habe ich mich entschlossen, das Thema Sig Sauer aufzugreifen, um darauf hinzuweisen, dass viele zeitgenössische Konfliktsituationen internationale Verzweigungen haben, und diejenigen, die dafür verantwortlich sind, profitieren vom Geschäft des Krieges, von der Ausbeutung von Ressourcen und dem Verdrängungsmarkt. 

Natürlich sind nicht alle Augen abgewendet, und das Interesse an der kolumbianischen Kultur wächst. Ich lebe derzeit in Deutschland und habe hier die Möglichkeit gehabt, verschiedene Arten der Wahrnehmung Lateinamerikas in Europa kennen zu lernen. Musik ist etwas, das Aufmerksamkeit erregt, die Seele berührt und bewegt. 

Deshalb vermischt meine Komposition Klänge mit Informationen über die Waffen und ihre Aufprall mit Rhythmen von Congas, Herdenglocken, Klavieren und sogar Charango, mit dem Ziel ironisch aufzuzeichnen, was auf dem europäischen Kontinent als „exotisch“ bezeichnet wird. Diese Klangkomposition ist ein Beispiel dafür wie Identität, unter dem fremden und uninformierten Blick, arhythmische Nuancen annimmt, auf das, was die in der lateinamerikanischen Musik vertretene Folklore wirklich bedeutet und die sich nicht nur auf die bekanntesten und eingängigsten Lieder beschränkt, die sich verkaufen sollen. Ich habe dann verschiedene lateinamerikanische Musikgenres gewählt, um unsere territoriale Identität zu würdigen. 

Die Komposition „Sig Süßig“ ist jedoch nicht „erregt und heiter“, wie man es normalerweise von lateinamerikanischer Musik erwartet, sondern eher melancholisch und etwas verharrend. Sie verweist auf den Kontrast zwischen der schwierigen Situation der Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte, der Gefahr erschossen zu werden, weil man Gerechtigkeit und Veränderung fordert, und dem kulturellen Reichtum meines Landes Kolumbien, der sich durch seine Lebenslust und Dynamik auszeichnet. 

Schließlich möchte ich nicht einfach nur darauf hinweisen, sondern das deutsche Publikum auffordern, darüber nachzudenken, ob die Probleme und die sozialen Unruhen in Kolumbien für Deutschland fremd und fern sind. Auf diese Weise wird hier betont, dass wir alle in verschiedenen Situationen in der Welt eine Rolle spielen und dass der Schmerz keine Grenzen unterscheidet.

Track 5. 

In Kolumbien

Titel: In Kolumbien 
Autorin: Maria Muro 
Entstehungsort: Deutschland / Jahr: 2021 
Album:  SOundS Kolumbien / Track 5 
Genre: Soundscape, experimental 
Material: Klangkomposition auf der Grundlage des Aufbaues von Verzerrungen von Klängen und Archivmaterial wie Wörter und Phrasen aus den Nachrichten und von den Unterdrückern und von den unterdrückten und misshandelten Menschen in Kolumbien auf den Straßen. 
Format: MP3-Datei / Größe oder Dauer: 04:08 Minuten

Am Anfang hatten wir uns gefragt, ob wir eigenständige Projekte oder ein Gemeinschaftsprojekt machen wollten und wenn ja, mussten wir ein Thema wählen.

Paola und Elkin, aus Kolumbien, stellten ihr Bedürfnis dar, an einem Thema zu arbeiten, das ihnen heute sehr wichtig ist: Die aktuelle Situation der Gewalt, die von der Polizei im Auftrag des Staates gegenüber den Menschen bei Demonstrationen in Kolumbien ausgeübt wird. Für mich war selbstverständlich, an dem Thema zu arbeiten und mitzumachen. Ich komme zwar aus Venezuela aber ich fühle mich als Lateinamerikanerin. Es gibt viele Dinge, die die Lateinamerikaner vereinen, wie die Sprache und die Geschichte, die von der Kolonialisierung bis heute noch geprägt ist. Aber es gibt Dinge, die über ein kollektives Gefühl hinausgehen können, und das ist die Solidarität. Anderseits wohne ich seit vielen Jahren in Deutschland und in mir hat sich auch ein europäisches Gefühl entwickelt. Das Leben in Europa erlaubt mir einige Dinge mit Abstand zu sehen, aber ich weiß, ich trage direkt oder indirekt als „Europäerin“ auch eine Mitverantwortung an dem, was auch in den „Drittländern“ und auf der Welt geschieht. 

Bei der Recherche wurden Klänge, Wörter und Phrasen aus den Nachrichten und von den Unterdrückern und von den unterdrückten und misshandelten Menschen in Kolumbien auf den Straßen gesammelt und danach als Klangkomposition in „In Kolumbien“ zusammengefügt. Die Cumbia ist ein Rhythmus, der nicht nur in Kolumbien verbreitet ist, aber einen großen Teil der kolumbianischen Kultur ausmacht. 

Die Verwendung des Rhythmus Cumbia wurde in der Komposition hier nicht ausgeschlossen, sondern wurde so verändert, dass das nicht mehr als Cumbia wahrnehmbar ist. Denn es bestand die Gefahr, dass das Klangstück von Nicht-Spanischsprachigen Menschen als festlich aufgefasst würde und das Thema Gewalt ist in jeder Form ein sehr er ernstes Thema. 

Es war notwendig, die Menschen hier, die Menschen aus Deutschland, mehr einzubeziehen. Sig Sauer, ein Waffenhersteller, der bis Ende letzten Jahres eine Produktionsstätte im norddeutschen Eckernförde hatte, soll in einem Gerichtsverfahren Geld zahlen oder zurückzahlen. Sig Sauer verkaufte Waffen über die Vereinigten Staaten von Amerika illegal an Kolumbien. 

Es ist besorgniserregend, dass dieser Fall keine Ausnahme darstellt. Es sei nicht das erste Mal und auch andere deutsche Waffenunternehmer seien in solche Skandale verwickelt gewesen. Die öffentlichen Medien sprachen auch über die Arbeitslosen, die durch die Schließung der Produktionsstätte in Eckernförde entlassen wurden. Natürlich denkt man kurz an den Menschen ohne Einkommen. Aber will man wirklich einen Schaden durch einen anderen Schaden irgendwie verharmlosen? Gibt es nicht andere Dinge zu produzieren, wie z.B. Pumpen für den Hochwasserschutz, Wasserentsalzungsmaschinen, Sonnenkollektoren oder einfach Fahrräder? Wo gehen wir als Menschheit hin? Und was ist mit dem Menschen dort in Kolumbien? 

Die Produktionsstätte in Eckernförde existiert nicht mehr, aber die Firma existiert in irgendeiner Form weiter und verkauft weiterhin Waffen in Deutschland und anderen Teilen der Welt. Sig Sauer sollte nach dem Gerichtsverfahren zahlen, und das war teilweise fair, aber etwas anderes ist sehr offensichtlich: Das Geld, das sie zurückzahlen, bringt die Opfern nicht zurück ins Leben und die „MADE IN GERMANY“ hergestellten Waffen, die sie verkauft haben, sind immer noch in Kolumbien und immer noch in den Händen der Polizei, die damit weiterhin unterdrückt und tötet. 

Die Arbeit „In Kolumbien“ konzentriert sich mehr auf die Stimmen der Menschen. Ich habe mir oft die Komposition während ihrer Entwicklung und nach der Fertigstellung angehört und fühle mich immer noch oft, als wäre ich mittendrin im Geschehen.